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Diese hatte der chinesische Maler Zhao Gang, damals Professor im Art Center Peking, als Thema angeregt; und China, die USA und Deutschland schienen ihm die idealen Länder, um den Fanatismus grenzübergreifend zu diskutieren und künstlerisch umzusetzen.
Giulia Bowinkel und Friedemann Banz, beide Absolventen der Kunstakademie
Düsseldorf, nahmen Ende 2008 an Demolition Milk in Peking teil, und schon dort wurde geplant, die Ausstellung in den USA und Deutschland weiterzuführen.
Als Giulia Bowinkel und Friedemann Banz das Demolition Milk-Konzept für KIT vorstellten, interessierte zunächst das Thema Fanatismus, aber auch die dezentral ausgerichtete kuratorische Mitarbeit der Künstler. So wählten in China Zhao Gang und der Düsseldorfer Maler Christoph Knecht die Künstler aus; in den USA kuratierte Bradlee Hicks, und in Deutschland bestimmten Giulia Bowinkel und Friedemann Banz die Teilnehmer für Demolition Milk II. Alle 19 Künstlerinnen und Künstler waren während der Vorbereitungen zur Ausstellung miteinander vernetzt und kennen sich teils persönlich, teils über ihre Werke.
Giulia Bowinkel und Friedemann Banz
Metha Donna, 2010
Filmstill
KIT – Kunst im Tunnel zeigt in Demolition Milk II medienübergreifende Werke, die auf unterschiedliche Weise mit den Auswirkungen fanatischen Denkens und
Handelns umgehen. Das künstlerische Wirken, die künstlerische Freiheit und das gesellschaftliche und politische Umfeld der Künstler stehen im Mittelpunkt von Malerei, Video, Fotografie und Performance.
Wang Shuting (*1979, lebt in Peking) visualisiert mit ihrem Gemälde „moving
again“ ein typisch chinesisches „Künstlerdorf“. Diese Dörfer – es gibt bis zu 40 in Peking und Umgebung – fallen häufig staatlichen Bauprojekten zum Opfer. Dies zwingt die Bewohner dazu, ständig umziehen zu müssen. Protest wird in der Regel nicht geduldet. Da Kunst in China jedoch mehr und mehr als „cultural industry“ geschätzt wird, ist die Gegenwehr der Künstler heute gelegentlich erfolgreich. Das populäre Galerienviertel 798 in Peking wird inzwischen sogar subventioniert aber auch staatlich kontrolliert. Die neue Macht der Kunst nahm Zhou Tiehai (*1966, lebt in Shanghai) zum Anlass, einen Film im Stil der 1930er Jahre zu drehen, in dem Feldherren eine Strategie entwickeln, die westliche Kunstszene auszuschalten.
Der kritischen Auseinandersetzung mit zweifelhaften politischen Führern verschreibt sich Yu Ziwei (*1984, lebt in Chengdu, Sichuan).
Qi Zhilong
Chinese Girl Nr. 7, 2005
Öl auf Leinwand
150 x 180 cm
Sammlung Olbricht
Er fotokopiert Websites auf Leinwand – schemenhaft sind Mao und Bin Laden zu erkennen – und bestickt sie mit vordergründig harmlosen Motiven, wobei blutrote Küchenschaben sich über das Werk herzumachen scheinen. Qi Zhilongs (*1962, lebt in Peking) malerisches Thema ist die „Chinese Beauty“. Die selbstbewussten jungen Chinesinnen, Realismus-Ikonen im Military-Outfit, sind als chinesischer „Political Pop“ in internationalen Sammlungen zu sehen. Auch Zhao Gang (*1961, lebt in Peking) ist über Chinas Grenzen hinaus erfolgreich. Mit „Mother of the Land“ provoziert er den Nationalstolz seiner Heimat, indem er ein Pin-up zur Mutter Chinas erhebt. Einem solchen Bild würde die Ausfuhr aus China eigentlich verboten. Auch untersagt ist es, einen weiblichen Akt vor einem Mao-Bild zu malen. Wang Yin (*1964, lebt in Peking) fand einen Weg, das Sujet zu legitimieren: Er bezieht sich auf den Realismus der in China anerkannten russischen Avantgarde. Wang Xingwei (*1969, lebt in Shanghai) verweist mit seinen Bildern plakativ auf Motive der westeuropäischen Kunstgeschichte. Die abstrakt-organischen Formen seines Aktes mit Paletten-Haupt sind als Verweigerung und Protest gegen die weitreichenden Verbote in der Kunst zu deuten. Guo Chao (*1980, lebt in Peking) projiziert seinen Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung auf großformatige Traumbilder, die traditionelle Momente in der chinesischen Malerei mit einem fast flüchtigen Gestus vereinen. Yu Yang (*1985, lebt seit 2009 in New York) zeigt Videos, die sie bearbeitet, um körperliche Grenzerfahrungen sichtbar zu machen und den Betrachter durch Verzerrungen von Köpfen und Gliedern zu verwirren.<
Das verblendet konservative Bild, das während republikanischer Regierungszeiten in den USA vermittelt wurde und immer noch vorherrscht, beschäftigt Deana Lawson (*1980, lebt in New York). Sie fotografierte amerikanische Prostituierte in ihrer privaten Umgebung und stellt so herrschende Vorurteile in Frage. In die Abgründe der Upper Class taucht Patrick McElnea (*1982, lebt in Buffalo) ein. Sein Video und die besessen detaillierten Collagen spiegeln die Brüchigkeit des Ehealltags zweier Menschen, deren Verbindung nur durch das Protokoll ihrer Trennung evident wird. Bradlee Hicks (*1982, lebt in New York) nähert sich den Themen Krieg,
Religion und Kapitalismus über eine Bearbeitung der „Nussknacker“-Geschichte von E.T.A. Hoffmann. Die Idee einer zauberhaften Fantasiewelt jenseits pädagogischer Systeme wird durch einen „Godpoppa“ umgekehrt, der hier sein Patenkind auf den realen Kapitalismus einschwört. Alexis Knowlton (*1983, lebt in Berlin) führt den Besucher an einer zehn Meter langen Leinwandspirale vorbei, bemalt mit den Motiv-Mustern eines „Einarmigen Banditen“. Die Künstlerin erlebte in ihrer Kindheit die Veränderung eines Stadtteils durch die Eröffnung eines Spielsalons und setzt die Ruhe des Malens dem Sound der Spielautomaten und der Spielsucht entgegen.
Szenen amerikanischen Kleinbürgertums zeigt William Davis (*1982, lebt in
Charlotte, USA). Eine durch Erziehung, Religion, sexuelle Riten und Aggression
geprägte konservativ-starre Haltung wird durch Zusammenschnitte gesammelter Videos und gefundener Jesus-, Tier- und Genrebilder repräsentiert.
Albert Mayr
Ohne Titel, 2010
Installation
Foto: Ivo Faber
Eine selbstgebaute, mit Feuerlöschern betriebene Rakete zündete Nik Nowak
(*1982, lebt in Berlin) noch vor Ausstellungsbeginn im KIT. Eine filmische
Dokumentation der Tat wird den Besuchern als Reproduktion der Aktion präsentiert, ähnlich einer Kriegsberichterstattung. Veränderte Sichtbarkeit provoziert Lutz Braun (*1976, lebt in Berlin), wenn er eine Landkarte von Palästina mit Zeichnungen überlagert und so auf den Irrwitz von Polarisierung durch Fanatismus aufmerksam macht. Auf den Wahnsinn manischer Workaholics reagiert Albert Mayr (*1976, lebt in Wien) mit einer Sitzgruppe, gebaut aus alten Rechnern. Die Neue-Medien-Skulptur zeigt im KIT gefilmte Bilder des Künstlers, die den sitzenden Besucher „optisch massieren“ und dient Albert Mayr alias Jonny Hawaii alias Fan-Man als Bühne für seine Noise-Performance während der Eröffnung. Die skulpturale Videoarbeit „Metha Donna“ von Giulia Bowinkel (*1984, lebt in Düsseldorf) und
Friedemann Banz (*1981, lebt in Düsseldorf) stellt ein Dark-Fictio -Szenario dar, das die Hybris einer Menschheit behandelt, die sich selbst zum Schöpfer ernannt hat.
Ein Katalog mit Texten von Barbara Hess und Oliver Tepel zum Fanatismus sowie Abbildungen der Ausstellung erscheint Mitte Juni. Preis: 15,- Euro.
Zur Eröffnung legt DJ Lena Willikens im KIT auf.
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, Feiertage 11 bis 18 Uhr
Kostenlose Führungen: jeden Sonntag, 15 Uhr
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